Das Interview erschien unter einer Überschrift, die Desnizkis eigenen Worten entnommen ist: «Es ist zu früh für mich, über die Schwierigkeiten des Emigrantenlebens zu sprechen, weil es für mich gerade erst begonnen hat». Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um die Biografie: die Herkunft der Familie, die Schuljahre, das Studium und die berufliche Entwicklung.
Familiengedächtnis
Desnizki erzählte, dass er nur wenig über seine Vorfahren wisse, aber die Geschichte des Familiennamens habe ein entfernter Verwandter, Michail Dmitrijewitsch Afanassjew, der Direktor der Historischen Bibliothek, für die Familie rekonstruiert. Laut Desnizki seien die Desnizki eine Priesterfamilie, von der einer Metropolit Michail geworden sei; dessen Sohn habe die Militärlaufbahn eingeschlagen und den Adel erlangt. Der Großvater des künftigen Bibelwissenschaftlers sei in Orjol geboren.
Mit Blick auf die Repressionen bemerkte er, dass die Familie zu den Nachkommen der Überlebenden gehöre. Der Großvater väterlicherseits, der als Meister in einem Werk arbeitete, das später WEF hieß, sei 1937 verhaftet worden; nach einem Schlaganfall habe man ihn gelähmt aus dem Gefängnis gebracht, und er sei zu Hause gestorben. Der Mann der Schwester der Großmutter, Alexander Michailowitsch Landa-Kruglow, sei im Rang eines Brigadekommissars verhaftet und 1938 erschossen worden. «Ich verstehe natürlich, dass er als Politoffizier, der in den letzten Jahren seines Lebens beim GPU diente, sicher selbst daran beteiligt war», sagte Desnizki.
Über den Großvater Gle b Sergejewitsch Desnizki, einen Berufsoffizier, kursierte in der Familie eine Legende: Während seiner Dienstzeit im Generalstab habe er angeblich rechtzeitig auf Dienstreisen gegangen, wenn eine neue Verhaftungswelle drohte. Inwieweit diese Legende zutrifft, weiß Desnizki nicht. Die Großmutter mütterlicherseits habe der Familientradition nach einen Parteifunktionär geheiratet, um ihre Familie zu retten.
Von der Antike zur Bibel
Seinen Entschluss, sich mit der Antike zu beschäftigen, bringt Desnizki mit seinem Geschichtslehrer Nikolai Pawlowitsch in Verbindung, der die fünfte Klasse unterrichtete, und mit dem Buch «Alkamen – ein Theaterjunge», das er mit sieben Jahren gelesen habe. Die Schule habe er 1985 abgeschlossen und an der Philologischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität, am Lehrstuhl für klassische Philologie, zu studieren begonnen. Seiner Darstellung nach habe der Latinist Nikolai Alexejewitsch Fjodorow die Wahl beeinflusst, der am «Tag der offenen Tür» erklärt habe, warum man bei ihnen nicht studieren solle. «Na so was! – dachte ich. – Genau das will ich!», erinnert sich Desnizki.
Unter den Lehrern nannte er Marina Nikolajewna Slawjatinskaja, die Griechisch unterrichtete, und Andrei Tscheslawowitsch Kosarschewski, der den Evangelientext auf Griechisch las und laut Desnizki «eine Brücke zur christlichen Geschichte und Kultur» war. Gesondert erinnerte er sich an die öffentlichen Vorlesungen von Sergei Sergejewitsch Averinzew, die Hunderte Zuhörer versammelten, und an die Geschichte von der Katze, die den Saal betrat: Von Averinzew habe er zum ersten Mal erfahren, dass der Kater auf Altgriechisch «ailuros» heißt. Diesen Nicknamen habe er später in seiner E-Mail-Adresse verwendet.
1994 kam Desnizki an das Institut für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften, wo er sich eigenen Worten zufolge professionell mit der Bibel zu beschäftigen begann, mit der sich in Russland damals fast niemand befasste. Zum Zeitpunkt des Interviews war er Autor von Büchern und Übersetzungen, darunter «Die Poetik des biblischen Parallelismus», «Einführung in die biblische Exegese», «Moderne Bibelübersetzung: Theorie und Methodologie» sowie Übersetzungen und Kommentare zu den «Apostelbriefen».
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