Religion

Warum Leser die Bibel meiden

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Am 19. November 2012 veröffentlichte die Zeitschrift «Foma» ein ausführliches Interview mit dem Bibelwissenschaftler und Bibelübersetzer Andrej Desnitski darüber, warum orthodoxe Christen die Heilige Schrift selten lesen. Der Doktor der Philologie analysierte die Gründe – vom sowjetischen Mangel an Bibeln bis zur Angst vor dem Protestantismus – und schlug vor, was sich in der Gemeinde- und Seminarspraxis ändern müsste.

Anlass des Gesprächs war eine Beobachtung: Die Bibel steht fast in jedem orthodoxen Haus, doch regelmäßig lesen sie nur wenige, und noch seltener versuchen sie, ihr eigenes Leben durch den biblischen Text zu verstehen. Desnitski erinnerte daran, wie junge Christen in den 1980er-Jahren die Bibel bei Buchspekulanten suchten und Seminararbeiten über das Christentum schrieben, um Zugang zu den Sonderbeständen zu erhalten. Heute, so sagte er, könne man das Buch in jedem Laden kaufen, «aber man liest wenig, und beim Lesen bemüht man sich nicht sehr, zu verstehen, geschweige denn das Gelesene auf das eigene Leben anzuwenden».

Verehrung statt Lesen

Den Hauptgrund sah der Gesprächspartner im fehlenden Verständnis dafür, welchen Platz die Schrift im heutigen Leben einnehmen soll. Ohne dieses Verständnis werde die Haltung zur Bibel «ehrfürchtig-neutral – wie zu einem Museumsrarität». Dem Wort nach erkennen alle ihre Autorität an, doch es findet sich keine ernsthafte Motivation, regelmäßig und sinnvoll zu lesen; vielen scheint es, dass dem kirchlich verankerten Christen die Kirchenväter genügen. Desnitski widersprach: Die Väter selbst hätten ständig die Bibel gelesen, und die meisten ihrer Werke seien Auslegung der Schrift, angewandt auf die Situation der Zuhörer. Die Lektüre der Väter ohne Kenntnis des biblischen Textes laufe Gefahr, zu angelesenem Wissen und zum Jonglieren mit Zitaten in Streitgesprächen zu verkommen.

Als Beispiel nannte er die Predigten von Johannes Chrysostomos, der, wie er beschrieb, die Schrift so las, wie man heute Zeitungsartikel zu aktuellen Themen liest, und das Gelesene mit den Problemen Konstantinopels Ende des 4. Jahrhunderts verband.

Seminar und Angst

Gesondert sprach Desnitski über die Ausbildung der Priester. Ein junger Seminarabsolvent, der mit modernen Fragen und den Werken radikaler Bibelkritiker konfrontiert werde, stehe vor der Wahl: Entweder seien ihm diese «böse Ketzer», oder alles, was gelehrt wurde, sei veralteter Plunder. Der Grund liege, so seine Einschätzung, darin, dass die Seminaristen nicht auf die Begegnung mit dem Text vorbereitet und seine Vielschichtigkeit nicht erklärt worden sei. In der Folge werde die Schrift als etwas Sprengstoffartiges wahrgenommen, das man besser nicht anrühre.

Zu den Gründen zählte er auch die Angst, in den Protestantismus mit seinem Prinzip «allein die Schrift» abzugleiten, sowie die allgemeine Angst vor Liberalismus, Modernismus und dem Westen. In der Vorsicht sah Desnitski ein rationales Korn: Die wörtliche Lektüre aus dem Zusammenhang gerissener Sätze könne weit führen. Doch «eine Vogel-Strauß-Politik ist wirkungslos»: Die Tradition zu verwerfen sei falsch, daraus folge aber nicht, die Schrift zu verwerfen.

«Raum der Frömmigkeit» und was zu tun ist

Einen weiteren Grund verband er mit den schockierenden Stellen des biblischen Textes, besonders im Alten Testament. Gläubige versuchten mitunter, um sich herum einen sterilen «Raum der Frömmigkeit» zu errichten, in dem es nichts Strittiges und Unverständliches gibt, doch die Bibel passe nicht hinein. Desnitski verglich ein solches Dasein mit dem Leben in einer sterilen Box nach einer Knochenmarktransplantation: Der Mensch verliere seine geistliche Immunität. Die Schrift, betonte er, sei kein Katechismus und keine Sammlung von Antworten, sondern eine Erzählung, in der es Sünde und Ungeheuerlichkeit gebe, aber alles einen Sinn habe; in ihr seien «Wegmarken gegeben, keine Zäune mit Stacheldraht».

Das Problem müsse, so seine Meinung, auf gesamtkirchlicher Ebene gelöst werden – analog zur bereits erkannten Notwendigkeit von Jugend- und Missionsarbeit. Er schlug vor, ein Informations- und Beratungszentrum zu schaffen, das sich nicht mit Kontrolle, sondern mit der Entwicklung von Methoden befasse: Gemeinde-Bibelkreise gebe es, doch sie unterschieden sich in der Qualität und «kochen im eigenen Saft». Eine universelle Lesemethode gebe es nicht, nötig sei eine ganze Palette von Methoden, vieles finde sich bereits bei den Vätern und in der modernen Welt.

Das Internet sei, so Desnitski, sowohl als Speicher für Literatur als auch als Plattform für schnelle Antworten auf neue Herausforderungen nötig. Als Beispiel führte er das Buch von Rolf Furuli an, einem Zeugen Jehovas, das die Überlegenheit der Übersetzung der Zeugen Jehovas beweise: Die Übersetzung nannte er entsetzlich, dogmatisch wichtige Stellen verfälschend, und zu ihrer Widerlegung reiche ein Standardseminarkurs nicht aus.

In den Seminaren schlug er vor, das Wissen um die biblischen Fakten und die Methodik der Textlektüre zu trennen und einen Kurs in Hermeneutik einzuführen – nicht das Auswendiglernen der Väterworte, sondern die Kunst des Verstehens, unter Berücksichtigung dessen, dass die wörtliche, allegorische, typologische und moralische Lesart in der Kirche immer existiert haben. Auf Gemeindeebene, selbst ohne ausgebildeten Bibelwissenschaftler, sei es wichtig, die Schrift ständig gemeinsam zu lesen, damit sie ebenso zum Zentrum der Gemeinschaft werde wie die Eucharistie, und sich bei jedem Abschnitt zu fragen, wo ich in dieser Geschichte stehe.

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Carlos Benítez

Autor

Politischer Korrespondent

Foto: Иллюстрация Maralles, создана с помощью ИИ