In seiner Veröffentlichung merkt Andrej Desnitski an, dass die Menschen in biblischer Zeit ein gutes und langes Leben begehrten, das als höchster Lohn für den Gerechten galt, obwohl man, wie das Buch Ijob zeigt, keine «automatische Vergeltung» erwarten durfte. Zeichen des Wohlergehens waren Langlebigkeit, Nachkommenschaft und Reichtum. Doch nach den Worten des Autors kennt die Bibel einen Begriff, der diese Gaben übersteigt – die Seligkeit.
Die Seligkeit in den Psalmen
Desnitski weist darauf hin, dass der Psalter mit den Worten «Selig der Mann, der …» beginnt, und das ganze Buch, so seine Auffassung, von der Seligkeit spricht, aber keine Ratschläge für die alltäglichen Dinge gibt. Die Seligkeit, schreibt er, beginne mit dem Verzicht auf den Umgang mit den Gottlosen und auf deren Lebenshaltung. Das positive Programm sei, so sagt er, einfach: «… sondern seine Lust hat am Gesetz des Herrn und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht; und alles, was er tut, gerät ihm wohl» (Ps 1,2–3). Der Autor betont, dass ein solcher Baum sich nirgendwohin beeilt und sich um nichts sorgt.
Auf die Frage, ob die biblische Seligkeit dem buddhistischen Verständnis des Nirwana gleiche, antwortet Desnitski mit Nein: Die Worte «und alles, was er tut, gerät ihm wohl» setzten aktives Handeln voraus. Als Beispiel nennt er die Könige David und Salomo, die ein ereignisreiches Leben führten, «und dabei kein sündloses Leben». Entscheidend sei für sie nach Einschätzung des Autors die Treue und das Vertrauen zu Gott gewesen, das Streben, seinen Willen zu suchen.
Das evangelische Paradox
In der Verkündigung des Evangeliums, fährt Desnitski fort, wirke das Wort «selig» eher schockierend: «Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden» (Mt 5,3–4). Der Autor erinnert daran, dass schon heidnische Weise um die Unbeständigkeit irdischen Wohlergehens wussten: Der athenische Gesetzgeber Solon weigerte sich, den lydischen König Krösus vor dessen Tod selig zu nennen, und behielt recht – das Glück wandte sich bald von Krösus ab, und er verlor alles. Christus aber, so Desnitski, spricht von einer Seligkeit, die sich in der Ewigkeit entfaltet. Zugleich weist der Autor darauf hin, dass das Evangelium Beispiele für Seligkeit schon hier und jetzt kennt: die Antwort Christi an Johannes den Täufer («… selig ist, der sich nicht an mir ärgert» – Mt 11,6) und die Worte an Petrus («… selig bist du, Simon, Sohn des Jona …» – Mt 16,17).
Desnitski führt auch die Worte des Apostels Paulus an, der seine Rede vor König Agrippa mit den Worten «Ich halte mich selig» begann (in der Synodalübersetzung – «glücklich»). Der Autor bemerkt, dass die Lage des Paulus schwierig war: Er war verhaftet, und die Verhaftung rettete ihm gewissermaßen das Leben. Nach Einschätzung Desnitskis ist die Seligkeit für den Apostel kein Zustand der Ruhe, sondern eher Kampf und Sieg, die Fülle des Lebens in Gott.
Das Beispiel der Gottesmutter
Abschließend untersucht der Autor die Episode aus dem Lukasevangelium (11,27–28), in der eine Frau zu Jesus sagt: «… selig der Leib, der dich getragen, und die Brüste, die du gesogen hast!» Desnitski erinnert daran, dass diese Worte in der orthodoxen Tradition an den Festen der Gottesmutter gelesen werden und dass ihre Seligkeit nicht einfach war: Schwangerschaft, Geburt in der Höhle, Flucht nach Ägypten, ein Leben voller Sorgen um den Sohn und die Kreuzigung. Christus antwortete: «Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.» Nach Auffassung des Autors bestand die Seligkeit der Gottesmutter nicht nur in der Erwählung, sondern in ihrem ganzen Leben, das zur Antwort auf die Frohe Botschaft wurde.
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