Religion

Neues Testament von Desnizki in modernem Russisch erschienen

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Im Verlag «Granat» ist eine Übersetzung des Neuen Testaments erschienen, die der russische Bibelwissenschaftler, Philologe und Historiker Andrei Desnizki angefertigt hat. Darüber berichtete Meduza am 26. November 2024 und wies darauf hin, dass in der russisch-orthodoxen Tradition zwar neue Bibelübersetzungen entstehen, diese aber nicht mit der Synodalübersetzung konkurrieren. Nach Einschätzung der Zeitung ist diese Übersetzung ein Ereignis, das über den religiösen Bereich hinausgeht.

Wie Meduza schrieb, ist das Erscheinen einer weiteren russischen Übersetzung des Neuen Testaments ein seltenes und wichtiges Ereignis. Im Westen, so die Zeitung, sei es längst Tradition, alle paar Jahre die vorhandenen Übersetzungen zu überarbeiten; unter den bekanntesten kritischen Übersetzungen der letzten Jahre werden die New American Bible von 2011 und die New American Standard Bible von 2020 genannt. Letztere sei von der amerikanischen Lockman-Stiftung dreimal herausgegeben und neu aufgelegt worden – 1977, 1995 und 2020 –, und der Hauptunterschied der neuen Ausgabe zur vorherigen liege in erhöhter genderbezogener Genauigkeit: In Abschnitten, in denen «Brüder» erwähnt werden, sei kursiv «oder Schwestern» hinzugefügt. Wie die Lockman-Stiftung erläutert, sei dies näher am Original, da das griechische Wort adelphoi, das traditionell mit «Brüder» übersetzt wird, sich auch auf Frauen beziehen könne.

In Russland, so die Zeitung, bleibe die Mitte des 19. Jahrhunderts angefertigte Synodalübersetzung maßgeblich. Die Bibelwissenschaft habe seitdem einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht, und die Synodalübersetzung sei bei allen ihren Vorzügen – besonders in der Wiedergabe der Schönheit und Erhabenheit des biblischen Stils – veraltet. Danach habe es weitere Bibelübersetzungen ins Russische gegeben, doch keine habe sich als ernsthafte Alternative zur Synodalübersetzung etabliert. Der Priester und Theologe Alexander Men, so die Zeitung, habe angemerkt, dass die 1953 unter der Schirmherrschaft der British and Foreign Bible Society unternommene Übersetzung sich der modernen russischen Sprache nicht habe nähern können: Als Emigranten hätten die Übersetzer, wie Men schrieb, «die Verbindung zur lebendigen Sprache ihrer Landsleute verloren».

Was Desnizkis Übersetzung auszeichnet

Nach Einschätzung von Meduza hat Desnizki vor allem das gesamte Neue Testament selbst übersetzt, was dem Text konzeptionelle Geschlossenheit verleihe. Wo immer möglich, übersetze er Schlüsselwörter ebenso wie in der Synodalübersetzung, ändere aber das Wesentliche – die veraltete und schwer verständliche Syntax. Sein Neues Testament sei einfacher und klarer, die Rede Jesu und der Apostel komme der Umgangssprache nahe, was den Text für den modernen Leser verständlicher mache: Die Zeitung weist auf die für eine Bibel ungewöhnliche Gliederung nach Dialogen und die Anrede «Freund» hin.

Die Zeitung zitiert einen Abschnitt der Bergpredigt in der neuen Übersetzung: «Wohl denen, die arm sind vor dem Geist: Ihnen gehört das Himmelreich. Wohl denen, die trauern: Sie werden getröstet werden. Wohl denen, die sanftmütig sind: Die Erde wird ihr Erbteil sein …» Zum Vergleich wird derselbe Abschnitt in der Synodalübersetzung angeführt: «Selig sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde erben …»

Laut der Zeitung legt Desnizki den Akzent auf die Verbindung zwischen Judentum und Christentum – auch um die Unterschiede zwischen diesen Religionen deutlicher hervortreten zu lassen. Das anschaulichste Beispiel, das der Übersetzer in einer Anmerkung kommentiert, sei die Taufe Jesu im Jordan durch Johannes den Täufer: Es handle sich faktisch um eine jüdische rituelle Reinigung, ein Untertauchen in der «Mikwe», das die Tora vorschreibe, wenn ein Mensch «unrein» sei, etwa wenn er einen Toten berührt habe. Die Wurzel «kreschtsch», so die Zeitung, werde mit dem Kreuz und der Kreuzigung Jesu assoziiert, was zusätzliche Bedeutungsschattierungen erzeuge, die in dieser Szene des Neuen Testaments nicht vorhanden seien.

Anmerkungen und Konzept

Die Ausgabe ist mit Anmerkungen versehen, die Einzelheiten aus dem Leben und der Verkündigung Jesu Christi erläutern – von der Frage, welche Pflanzen er in der Predigt vom Senfkorn gemeint haben könnte, bis zu der Frage, warum die Juden in seinen Worten und Taten Verstöße gegen das Gesetz (die Tora) sehen konnten. Desnizki weist auch auf Widersprüche in den Texten der Evangelisten hin: etwa wenn sie einen Propheten zitieren wollen, tatsächlich aber einen anderen zitieren.

Nach Ansicht von Meduza führt dies zum Hauptproblem der Bibelkritik – wer, wann und wie den Text geschaffen hat. Ausführlich schreibe Desnizki darüber nicht, da seine Übersetzung für Laien gedacht sei, doch teile er, so vermutet die Zeitung, die Idee des Kerygmas, die auf den deutschen Theologen Rudolf Bultmann zurückgeht: Das Kerygma sei der Sinnkern der evangelischen Botschaft, jene Worte, mit denen sich Jesus Christus heute an die Menschen wenden könnte, und der moderne Leser müsse sie von den «mythologischen» Einzelheiten unterscheiden können.

Nach Einschätzung der Zeitung beleuchtet die Übersetzung Facetten des Neuen Testaments, die in anderen Übertragungen oft verloren gehen – die soziale Predigt und den Stil der Kommunikation Jesu Christi, in dem mehr Menschlichkeit als lehrhafter Pathos liege. Auch die Briefe der Apostel seien mit neuen Maßstäben übersetzt; die Zeitung bemerkt, dass die in modernem Russisch dargestellte Szene der Hinrichtung des Erlösers wie aktuelle existenzielle Prosa über Repressionen wirke.

Kontext

Meduza weist darauf hin, dass Andrei Desnizki ein Gegner des Krieges ist und Russland nach dem 24. Februar 2022 verlassen hat. Nach Einschätzung der Zeitung wird seine Übersetzung unwillkürlich vielfach als ein Blick auf das Christentum wahrgenommen, der der offiziellen Position der Russisch-Orthodoxen Kirche entgegensteht.

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Myroslawa Bereschna

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