In einem Interview mit der Zeitschrift «Foma» erzählte der Bibelwissenschaftler und Übersetzer Andrei Desnizki, warum eine gewissenhafte Bibellektüre oft zu einem verzerrten Verständnis des Textes führt. Seiner Meinung nach liegt das Problem nicht an mangelnder Bildung oder bösem Willen, sondern an Denkgewohnheiten, die daran hindern, die Schrift als heilige Geschichte wahrzunehmen.
Kino und Bibel: Wie die Handlung durch ein Schema ersetzt wird
Desnizki verglich die Bibellektüre mit der Verfilmung der «Chroniken von Narnia»: Episoden und Figuren mögen erhalten bleiben, doch die Geschichte werde zu einer anderen. Im Film, so sagte er, sei die Reise zur Suche nach den sieben Lords zu einer Geschichte des Kampfes von Gut und Böse mit dem Sammeln von Artefakten geworden. Ebenso könne ein Leser, der Handlung und Ideen richtig im Gedächtnis behalte, den Bibeltext in etwas völlig anderes verwandeln.
Als Beispiel nannte er die Puritaner in Amerika, die seiner Einschätzung nach im Buch Josua eine Anweisung sahen, die einheimischen Völker zu vernichten. «Wenn ein gläubiges Volk in ein Land kommt, in dem Ungläubige leben, dann muss es all diese schlechten Menschen töten, und dann wird es gut und glücklich leben», gab Desnizki die Logik einer solchen Lesart wieder. Seiner Meinung nach gibt es dort, wo die Konquistadoren waren, bis heute viele Indianer, während dort, wo die Puritaner waren, fast keine mehr übrig sind.
Keine Gebrauchsanweisung, sondern heilige Geschichte
Auf die Frage, ob die mittelalterlichen Katholiken nicht recht hatten, als sie den Laien die Bibellektüre verboten, sagte Desnizki, es gebe keine eindeutige Antwort: Es gebe dunkle Stellen, die niemand vollständig verstehe, doch beträfen sie meist Nebensächliches. Als Beispiel führte er die Worte des Apostels Paulus aus dem Römerbrief an, dass «in ihm alle gesündigt haben», die von Theologen unterschiedlich ausgelegt würden.
Zugleich könne man, so sagte er, aus der Bibel nicht alles Beliebige herauslesen: Die Grundgedanken seien auch ohne philologische Bildung verständlich. Der Fehler liege in globalen Verallgemeinerungen. «Man darf das nicht verallgemeinern und Schlüsse im Sinne von ‚Wenn es den Israeliten erlaubt war, dann ist es auch uns erlaubt‘ ziehen», sagte er über das Buch Josua und erklärte, das Gesagte habe sich an ein konkretes Volk in einer konkreten Situation gerichtet.
Desnizki nannte den Umgang mit der Bibel als Gebrauchsanweisung oder Benutzerhandbuch falsch. Seiner Meinung nach ist die Bibel vor allem heilige Geschichte, und ihr Text stehe im historischen Kontext.
«Techniker» und «Lyriker» am Bibeltext
Desnizki brachte die Lesefehler mit der Denkweise zusammen. Menschen mit technischem Denken, so sagte er, gewöhnten sich daran, mit Abstraktionen zu operieren, und übertrugen diesen Ansatz auf Geschichte und Text. Als extremes Beispiel nannte er den Mathematiker Fomenko mit seiner «neuen Chronologie», der laut Kollegen talentiert sei, in der Geschichte aber nur eine Reihe von Zahlen sehe.
In der Bibellektüre zeige sich das im Herausgreifen einzelner Zitate und im Bau von Konstrukten daraus. Desnizki erinnerte daran, dass der Apostel Paulus Briefe an konkrete Gemeinden geschrieben und mit konkreten Gegnern gestritten habe, weshalb seine rhetorischen Wendungen nicht zu Termini werden dürften. Er führte auch die Polemik von Basilius dem Großen und Gregor von Nyssa mit den Eunomianern an, die das Wort «Zeugung» für einen erschöpfenden Terminus hielten. Seiner Einschätzung nach schufen diese Heiligen lange vor der modernen Literaturwissenschaft eine Theorie der biblischen Metaphern.
Auch der geisteswissenschaftliche Ansatz, so Desnizki, berge Gefahren: Er artet oft in Überlegungen nach dem Motto «mir scheint es so» aus, statt ein konkretes Problem zu stellen.
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