Religion

Desnizki vergleicht die Machtvertikale mit der Sobornost

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Am 8. August 2013 veröffentlichte der Bibelwissenschaftler und Übersetzer Andrei Desnizki auf dem Portal «Pravmir» eine Betrachtung darüber, ob Sobornost im kirchlichen Leben des 21. Jahrhunderts möglich ist. Anlass war der Heimgang des Priesters Pawel Adelgeim, dessen Fragen zur Kirchenleitung nach Ansicht des Autors ungelöst bleiben. Desnizki stellte die kirchliche «Machtvertikale» der staatlichen und dem Ideal der Sobornost gegenüber.

Laut Desnizki bestand eine der Hauptsorgen von Vater Pawel Adelgeim darin, dass in der Kirchenleitung eine eigene «Machtvertikale» entstanden sei, ähnlich der staatlichen, und dass mit einem einfachen Kleriker und seiner Gemeinde jederzeit nach Belieben verfahren werden könne, gemäß der neuen Gemeindeordnung. Der Autor bemerkt: Selbst wenn es einem Kleriker gelinge, sich vor dem Kirchengericht zu rechtfertigen und die Aufhebung einer voreingenommenen Entscheidung zu erwirken, bleibe er doch in derselben Diözese, und auf eine aufgehobene Entscheidung folgten zehn neue.

Desnizki stimmt zu, dass dem so ist und dass dies schlecht sei. Neben persönlichen Tragödien, so seine Einschätzung, wüchsen in den kirchlichen Strukturen von selbst Initiativlosigkeit, Anpassertum und Schmeichelei, und viele junge Menschen, die gute Hirten werden könnten, zögen es vor, einen anderen Weg zu gehen. Zudem gehe eine angemessene Rückkopplung verloren, was die «Informationskriege» gezeigt hätten: Der Gang in die Öffentlichkeit sei ein Schock für jene gewesen, die gewohnt seien, nur offiziell begeisterte Reden zu hören.

Sobornost und Demokratie

Der Autor erinnert daran, dass die Demokratie im Staat «per Dekret des selbstherrlichen Präsidenten» eingeführt wurde und bald «die richtigen Demokraten die falschen aus Panzern erschossen». Seiner Meinung nach könne man einem Volk die Demokratie nicht aufzwingen, das nicht darauf vorbereitet sei und keine Fertigkeiten in Selbstverwaltung besitze. Die Sobornost, so Desnizki, sei noch komplizierter und komme kaum irgendwo in reiner Form vor – eher sei sie ein Prinzip und ein Ideal, dem man sich durch Versuch und Irrtum nähern könne. Von diesem Ideal habe das Konzil von 1917–18 gesprochen, doch gerade in jenen Tagen, als die Konzilsmitglieder die neue Ordnung berieten und abstimmten, begann im ganzen Land ein gewaltiges Experiment zum Aufbau eines atheistischen Staates.

Desnizki fragt sich, ob jene Beschlüsse im Russland des frühen 20. Jahrhunderts lebensfähig waren, wo formal Orthodoxe, nach den Worten eines Rotarmisten, «das Evangelium nicht lasen, sondern nur seinen Einband küssten». Er ist nicht sicher, ob sie auch im heutigen Russland umsetzbar sind, wo laut allen statistischen Umfragen unter den formal Orthodoxen nur eine Minderheit regelmäßig die Kirche besucht und das Evangelium liest, und viele gar nicht an Gott glauben.

Warum der Autor für die heutige Ordnung stimmte

Desnizki räumt ein, dass ihm die heutige Ordnung nicht sehr gefalle, die dem Bischof die ganze Fülle der Macht gebe und der Gemeindeversammlung keine eigenständige Rolle zuerkenne. Doch er habe – anders als Vater Pawel – auf jener Versammlung für sie gestimmt, und alle in seiner Gemeinde hätten ohne Änderungsanträge und Diskussion zugestimmt, wie im ganzen Land, mit seltensten Ausnahmen. Der Autor erklärt dies nicht mit Einschüchterung oder Unaufmerksamkeit, sondern damit, dass die Ordnung die Lebenswirklichkeit von 99,99 Prozent der Gemeinden widerspiegle, und eine andere Wirklichkeit könne er selbst für seine eigene Gemeinde nicht anbieten.

Seiner Beobachtung nach sei es den Gemeindemitgliedern bequem, dass nichts von ihnen abhänge: Man müsse für nichts Verantwortung tragen, könne sich immer auf jemandes bösen Willen oder ungünstige Umstände berufen. Geistliche Kinder, schreibt er, beeilten sich gewöhnlich nicht, erwachsen zu werden, und wollten länger in dem Alter bleiben, in dem jemand Großes, Weises und Starkes die Entscheidungen trifft.

Was zu tun ist

Desnizki schlägt ein Gedankenexperiment vor: Wenn die grundlegenden Fragen des kirchlichen Lebens in jeder Gemeinde durch gemeinsame Abstimmung aller auf ihrem Gebiet lebenden Orthodoxen entschieden würden, wie es die Ordnung von 1917–18 für die Zusammensetzung der Gemeinde festlegte, und durch ebensolche Abstimmung die Delegierten für ein Lokalkonzil gewählt würden, dann würde seiner Meinung nach alles etwa so enden wie mit der per Dekret eingeführten Demokratie, doch die Kirche würde unterwegs in Hunderte von Interessenclubs zerfallen.

Einen Ausweg sieht der Autor darin, jenen 0,01 Prozent der Gemeinden, in denen sich tatsächlich Gemeinschaften gebildet haben, freies Atmen und Entwicklung zu ermöglichen. Dies sei, so sagt er, die wichtigste Wachstumszone und das Territorium der Zukunft, wenngleich eine Risikozone. Zugleich bemerkt Desnizki, dass gerade auf solche Inseln zuerst die administrative Vertikale einschlage, mitunter noch bevor sich eine Gemeinschaft habe bilden können. Für die Verwaltungsvertikale sei es einfacher, wenn alles gleichförmig und vorhersehbar sei, doch für die Kirche als Ganze sei eine solche Haltung katastrophal, besonders in der modernen Informationsgesellschaft, in der Tausende Ideologien miteinander wetteifern. Die Mission bestehe darin, den Menschen zu erzählen, welche Antworten wir haben, und nicht darin, sie davon zu überzeugen, wie mächtig und monolithisch wir sind.

Aktuell bleibe auch die Aufgabe, «die bereits getaufte Rus zu erleuchten» – mit dem Wort und vor allem mit der Tat den Menschen die Fülle der Orthodoxie zu zeigen und die Erfahrung eines bewussten Lebens in Christus zu vermitteln, das sich nicht auf die Grenzen der Gemeinden beschränken dürfe, besonders im Zeitalter der Netzwerktechnologien. Der Autor schließt mit dem Satz: «Wenn es Konzilsmitglieder gibt, wird es auch Sobornost geben.»

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Henrik Falkenberg

Foto: Иллюстрация Maralles, создана с помощью ИИ