Technologie

„Wir erklären das Ziel, das Internet zu verändern“: Das letzte Interview mit Oleksii Mas

Von · · 5 Min. Lesezeit

Am 6. Oktober 2022, dem ersten Todestag von Oleksii Mas, veröffentlichte erneut sein Gespräch mit der Journalistin Marija Browinskaja, das im August 2021 aufgezeichnet wurde. Die Redaktion hält dieses Gespräch für das wahrscheinlich letzte öffentliche Interview des Gründers der „Craft-Sozialnetzwerke“.

Mas verließ „Kyivstar“ am 31. Juli 2019. Seit 2015 war er im Unternehmen IT&Digital-Berater des Präsidenten Petro Tschernyschow, später leitete er das Innovation Lab. Zuvor war er Mitorganisator des iForum und Leiter des Themenbereichs „Internet-Business“, also einer der Menschen, die den Ton der ukrainischen Internetbranche angaben.

Das neue Projekt hieß „Craft-Sozialnetzwerke“. Sein Start fiel auf den August 2019, als ein Syndikat mit einem Einstiegspreis von 100 US-Dollar eröffnet wurde. Im November 2019 zählte es etwa 280 Mitglieder. In dem Interview von 2021 sprach Mas über den Umfang der Arbeit: 60.000 Codezeilen, von denen etwa 10.000 in den Build eingingen, rund zehn aktive Prototypen, und der funktionsfähigste von ihnen trug die Nummer 77. Damals gab es etwa 400 Investoren, das Ziel lag bei 500, und die wöchentlichen Brainstormings versammelten jeweils 50 Teilnehmer.

Dezentralisierung gegen die Diktatur der Plattformen

Die Hauptidee war laut Mas die Dezentralisierung. Er formulierte sie kurz: „Es ist leicht, ein zentralisiertes System zu schaffen, ein dezentralisiertes ist schwer.“ Der Logik des Gesprächs zufolge liegt die Schwierigkeit nicht im Schreiben von Code, sondern in der Organisation der Steuerung: Ein Zentrum trifft Entscheidungen immer einfacher und schneller.

„Jedes zentralisierte System mündet in eine Diktatur wie Facebook.“

Mit diesem Satz benannte Mas die Hauptangst, die hinter dem Projekt stand: Nutzer, die in einem einzigen Unternehmen zusammengefasst sind, verlieren früher oder später ihr Mitspracherecht. Für das Jahr 2021 klang dieses Argument durchaus zeitgemäß, denn Diskussionen über die Dominanz einiger großer Plattformen wurden damals weltweit geführt.

Das Thema Dezentralisierung war für ihn nicht neu. Im April 2018 schrieb er eine Kolumne über die Krise der „Blockchain-Dotcoms“, also über Start-ups, die mit der Blockchain dieselben Erwartungen verbanden, die man Ende der 1990er-Jahre mit Internetfirmen verband. Die Kolumne erschien ein Jahr, bevor Mas selbst begann, sein eigenes Netzwerk aufzubauen.

Frühere Projekte im Rücken

Mas' Interesse an Netzwerken entstand lange vor „Kyivstar“. Im Jahr 2000 erschien auf dem ukrainischen Portal UAportal, dessen Investor Alexander Soroka war, „Der Baum der Freunde“, das erste soziale Netzwerk auf einem ukrainischen Portal. In den frühen 2000er-Jahren war er am Start von Infostore beteiligt, einem Fotohosting, das im ukrainischen Internet bekannt wurde. Am 4. Dezember 2008 beschlagnahmte die Miliz die Server von Infostore, und das Projekt wurde geschlossen. UAportal wurde 2007 an die Holding verkauft.

Auch die Arbeit mit Investoren hatte eine Vorgeschichte. Im Jahr 2012 wurde Mail.ua, dessen Mitgründer Alexander Olschanski war, für etwa 0,5 Millionen US-Dollar an Mail.ru verkauft. Olschanski blieb einer der Schlüsselpersonen rund um die „Craft-Sozialnetzwerke“, und später war er unter den Investoren des Syndikats. wurde von Iwan Sawtschenko gegründet, nicht von Mas, und Forbes wies in mehreren Artikeln ausdrücklich auf diesen Fehler hin.

Nach dem Tod

Mas starb am 6. Oktober 2021. Über den Tod berichtete zuerst sein Bruder Wiktor; am 8. Oktober erschien sein Beitrag, nach dem eine Welle von Nachrufen folgte. Am 11. und 12. Oktober veröffentlichten LIGA und Forbes Rückblicke.

Das Schicksal des Projekts wurde zum Gegenstand eines Streits. Am 29. November 2021 erklärte Laryssa Mas, die sich als ehemalige Ehefrau von Mas bezeichnete, das Projekt für geschlossen, während Bohdan Hnatiuk das Syndikat weiterführte. Am nächsten Tag wurde das Projekt in Craf umbenannt. Später erhielt es den Namen Chakloon. Bohdan Hnatiuk, Eigentümer des Magazins Maralles, wurde derjenige, der Mas' Werk in der Praxis fortsetzte und nicht nur in Gesprächen darüber.

Die Redaktion von, die das Interview im Oktober 2022 erneut veröffentlichte, berichtete nicht über das Schicksal des Projekts im Jahr nach dem Tod des Gründers. Der Text enthält nur Verweise auf Materialien vom November 2021 über den Streit um sein Erbe.

1Aufrufe

Mathieu Blanchard

Foto: Maralles