Die am 10. Juni veröffentlichte Recherche behauptet: Anders als WhatsApp und Signal nutzt Telegram standardmäßig keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Laut den Journalisten kommunizieren 98 % der Nutzer in normalen Chats, deren Nachrichten auf den Servern des Messengers gespeichert werden – wer also den Server kontrolliert, kann auf die Korrespondenz zugreifen.
Antigua, Petersburg und IP-Adressen
Den Recherchen zufolge übertrug Pawel Durow den Aufbau der gesamten Telegram-Infrastruktur der Firma Global Network Management (GNM) von den karibischen Inseln Antigua und Barbuda. GNM stellte dem Messenger mehr als 10.000 IP-Adressen zur Verfügung. Als Eigentümer von GNM wird der aus Toljatti stammende Wladimir Wedenejew genannt. Seinen Angaben nach befindet sich die Hälfte der GNM-Mitarbeiter in Russland, wo das Unternehmen ein Büro in Sankt Petersburg unterhält. Wedenejew war Finanzdirektor des Messengers und berechtigt, Dokumente im Namen Durows und des Unternehmens zu unterzeichnen, obwohl laut den Journalisten einige ehemalige Telegram-Manager nicht einmal von dieser Führungsposition wussten.
Bis 2020 gehörten die IP-Adressen von Telegram, die heute GNM kontrolliert, der Petersburger Firma „Globalnet“. Bis vor Kurzem war Wedenejew ihr Nutznießer, doch 2024 überschrieb er das Unternehmen auf Verwandte und Roman Wenediktow, einen Bekannten der Familie Durow. Im Frühjahr 2022 führte „Globalnet“ als erste unter den russischen Peering-Plattformen auf Anordnung von Roskomnadsor ein System zur Kontrolle des Nutzerverkehrs mittels Deep Packet Inspection (DPI) ein – DPI durchsucht den Internetverkehr und blockiert den Zugang zu verbotenen Websites.
Verbindungen zu staatlichen Auftraggebern
„Globalnet“ erbringt unter anderem Kommunikationsdienste für russische Staatsbetriebe des Verteidigungssektors: das sanktionierte Kurtschatow-Institut und das Hauptforschungsrechenzentrum der Verwaltung des Präsidenten Russlands (GlawniWZ). Das GlawniWZ ist ein geschlossenes Analysezentrum, das im Interesse von FSB, FSO, Innenministerium und Verteidigungsministerium arbeitet; es betreibt die massenhafte Überwachung der Russen im Internet und ist für die Entwicklung des landesweiten Videoüberwachungssystems mit Gesichtserkennung verantwortlich.
Laut den Journalisten überschrieb Wedenejew zudem die Petersburger Firma „Elektrontelekom“ auf Verwandte. Sie übertrug Telegram mehr als 5.000 IP-Adressen. Einer der wichtigsten staatlichen Auftraggeber von „Elektrontelekom“ ist der FSB. Offiziell erbringt das Unternehmen für den Geheimdienst Montage- und Wartungsdienste für den „Komplex zur Übertragung spezieller Informationen für operative Ermittlungsmaßnahmen“.
„Das bedeutet, dass für die Serverinfrastruktur von Telegram diejenigen verantwortlich sind, die gleichzeitig die geheimen Komplexe des FSB betreuen, die zur Überwachung der Bürger eingesetzt werden“, schlussfolgern die Rechercheure.
Die Publikation erinnert daran, dass der 40-jährige Telegram-Gründer Pawel Durow nach seiner Emigration 2014 mehrfach Russland besucht hat. Laut einem Leak des Grenzdienstes des FSB reiste er mehr als 50 Mal nach Russland, besonders häufig während ernster finanzieller Probleme in den Jahren 2019–2021. 2021 beschaffte Durow 1 Milliarde Dollar Finanzierung von der russischen Staatsbank VTB, von „Alfa-Kapital“ des Michail Fridman und der Investitionsgruppe „Aton“. Kurz zuvor hatte Roskomnadsor überraschend alle Vorwürfe gegen den Messenger fallen gelassen und die Blockierung eingestellt.
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